Nicole Marschollek - Menzner / ZWERGNASE 

Meine Bärengeschichte ist ebenso einfach wie unspektakulär. Sie gehört zu mir - sie ist ein Teil meiner beruflichen Entwicklung, wenn man so will ist sie der zweite Teil, die andere Hälfte neben meiner eigentlichen, der der Puppenkünstlerin Nicole Marschollek. 

Spielzeug gehört in der Gegend, in der ich zu Hause bin, zum Alltag. Nicht nur Kinder beschäftigen sich damit, sondern es bestimmt auch das Umfeld vieler Erwachsener. Meine Heimat ist die Region um Sonneberg, genauer gesagt: ich bin in dem kleinen Thüringer- Wald-Ort RAUENSTEIN aufgewachsen, in dem das einstmals berühmte nach eben diesem Ort benannte Porzellan hergestellt worden ist. Das allerdings ist schon Jahrzehnte wenn nicht gar Jahrhunderte her. 

Ich muß in meine Kinderzeit zurückgehen, wenn ich zum Anfang kommen will. Ich war ein ganz untypisches Kind inmitten all der erwachsenen Leute, für die der Umgang mit Spiel-zeug ganz selbstverständlich war, weil es in irgendeiner Weise ihr Berufsleben bestimmte. Ich spielte nicht mit Spielsachen. Puppen und Bären, Puppenstuben oder Eisenbahnen haben mich überhaupt nicht interessiert. Ich spielte mit Stoffresten, mit Wäscheklammern oder Holzlöffeln und anderen gebrauchten Gegenständen aus dem Haushalt. Liebend gern befasste ich mich mit Papier, Kleber und Buntstiften. Mich interessierten ausschließlich solche Dinge, aus denen ich etwas machen konnte. Wenn dann etwas Neues im Entstehen war, dann war das eine wirklich faszinierende Sache. 

Aus dieser Art der Beschäftigung schloß meine Mutter auf meine Kreativität. Sehr frühzeitig, vielleicht als ich 9 oder 10 Jahre alt war, fragte sie mich, ob ich nicht Spielzeugestalterin werden wollte. Das gefiel mir.

Eigentlich begann schon damals das, was man meinen beruflichen Weg nennen könnte. Nach der Schule bewarb ich mich an der Ingenieurschule für Maschinenbau und Spielzeug-gestaltung in Sonneberg. Mein Studienabschluß fiel in die Zeit der Wende. So konnte ich unmittelbar danach bei einem der bekanntesten Puppen- und Plüschwarenhersteller im nahen Oberfranken erste berufliche Erfahrung sammeln. 

Mein Leben blieb nicht von Zufällen verschont. Ich lernte in dieser Zeit meinen späteren Mann kennen. Er, von Beruf Betriebswirt und Unternehmensberater, ich, von nichts anderem beseelt, als endlich die erste eigene Puppe zu gestalten - wir wagten zusammen den Sprung ins kalte Wasser. In Neustadt bei Coburg gründeten wir die Firma ZWERGNASE. Ungeachtet all der Mühen, der zu überwindenden Klippen und Hürden, die eine Firmengründung mit sich bringt - mit den ZWERGNASE - Puppen hatten wir Erfolg! So zog die Firma bald darauf in ein neues Gebäude nach Schalkau/ Thüringen, in die Nähe von Sonneberg. 

Meine Geschichte ist zunächst also eine reine Puppengeschichte. Die ZWERGNASE - Bären kamen erst später dazu, aber auch sie verdanken ihr Dasein eigentlich einem Zufall.
Meine Puppe MIMI aus dem Jahr 1996 hieß nicht nur "MIMI", sondern "MIMI mit dem Bär". Das zarte Puppenmädchen mit dem blonden Haar und dem weißen Kleid, sollte einen Teddybären im Arm halten.

Es war leicht, einen kleinen Bären aus Velour zu nähen; ich hatte so was ja von Grund auf während meiner Ausbildung gelernt. Aber dieser Spaß hatte Folgen. Der "MIMI- Bär" bekam bald Geschwister: Bärenmädchen und Bärenbuben, kleine und große, dicke und dünne, Babies und Lausbuben, Onkel und Tanten - manchmal sogar einen Großvater.....

Alle haben urige Namen, so wie es ihnen nach ihrer Herkunft aus einer der traditionsreichsten Spielzeugregion Deutschlands auch zukommt. 

Das Bärenmachen ist für mich mittlerweile eine Art Ausgleich geworden, das i-Tüpfelchen innerhalb der anstrengenden und disziplinierten Arbeit als Designerin. Allein das Modellieren einer Künstlerpuppe erfordert immensen Zeitaufwand und ein Höchstmaß an Konzentration. Nach einem Puppenentwurf bin ich reif für die Bären. Sie gehen mir nicht nur leicht von der Hand - sondern sie sind auch lustig und somit ein sehr willkommenes Thema für die unernsten Seiten meiner Persönlichkeit. 

Unernst zu sein, verlange ich von jedem meiner Bären. Es ist die Eigenschaft, ohne die sie als echte ZWERGNASE - Bären gar nicht bestehen könnten. Schließlich sollen sie dem, der sie anschaut und der später mit ihnen umgeht, nicht nur gefallen, sondern sie müssen in der Lage sein, mit ihm zu kommunizieren, Gespräche zu führen über unernste, aber manchmal auch über sehr ernsthafte Angelegenheiten. Da reicht es nicht, einfach nur kuschelig und weich zu sein. Dazu braucht es Persönlichkeit. Innerhalb der Charakterskala, die das Bärige so umfasst, ist die Ausdrucksweise des Unernsten sicherlich die Sympathischste. Außerdem wird das Unernste jedem Bärenalter und -temperament gerecht. 

Natürlich ist das sehr viel leichter gesagt als getan. Um tatsächlich genau den Baerenausdruck zu erzielen, der mir vor dem eigentlichen Machen, vor den ersten Handgriffen vorschwebt, ist eine ganze Menge an Erfahrungen und Kenntnissen notwendig. 

Bevor ein Bärenkind das Licht der Welt erblickt, existiert es als Idee. Ich stelle es mir vor, ganz und gar, mit allen Details. Aber allein dieses Vorschweben, die Geburt der Idee also ist schwer zu beschreiben. So eine Idee ist nicht ein Blitzgedanke, den man irgendwie umsetzt, sondern die Findung einer Idee ist wirkliche Arbeit, eine Schöpfung, in die Gedanken, Beobachtungen und Erfahrungen ganz unterschiedlicher Art einfließen. 

So ein Bärenjunges hat z. B. seine Vorbilder in kindlichen Verhaltensweisen: frech, verschmitzt, schüchtern, zart, ungelenk oder tapsig... Auch eine respektable Bärendame wie ESMERALDA hat ihre Verwandten unter uns Menschen. Capotthut und Perlenkette kann man schließlich nicht ohne weiteres so selbstverständlich tragen. Dazu bedarf es einer Haltung, eines Hintergrundes. Schließlich ist den Bären ja nichts Menschliches fremd. Als Vater - oder Mutter - eines Bärengedankens muß man sich nicht nur in der Bärenkunde auskennen, sondern man muß auch Menschenkenntnis besitzen und Beobachtungsgabe. Das sind wesentliche Vorraussetzungen - erst dann kann man sich an das eigentliche Machen wagen - ein Abenteuer, das mit dem Griff in die Materialkiste beginnt.

Apropos Materialkiste: Früher galt das für mich wörtlich. Ich habe am Anfang einfach mit den im Lager befindlichen Materialien gearbeitet. Inzwischen bin ich soweit, daß der Hersteller von ZWERGNASE-Plüschen ganz behutsam auf meine Wünsche einzugehen weiß. 

Dann kommt der Schnitt. Ein gekonnter Schnitt setzt nicht nur Materialkenntnis voraus, sondern Bedingung ist, sich über Charakter und Aussehen des Bärenkindes im Klaren zu sein. Da ZWERGNASE-Bären nicht nur gute Kameraden und tolle Kumpels sind, sondern vor allem durch unverkennbare Charaktere bestechen, sind sie auch Persönlichkeiten von ganz besonderer Statur, sprich: Temperament und Gemüt äußern sich auch in Proportionen und Haltung. Der Schnitt bestimmt ein Gutteil des Images. Die ZWERGNASE-Familie weist nach nur wenigen Jahren eine ganze Palette unterschiedlichster Charaktere auf. Ein Grund für diese Vielfalt besteht allein in meiner Freude daran, mit Gestaltungsmitteln wie Schnitt und Material zu experimentieren. 

Kleider machen nicht nur Leute, sondern Kleider machen auch Bären! Auch in diesem Punkt ist Fingerspitzengefühl angebracht. Wie schnell wandelt sich das Kleid zur Verkleidung - Purismus ist angesagt oder wie der Deutsche sagt: Less is more.

Das Kleid des Bären unterstützt seine Persönlichkeit.

Hier herrschen genauso die Gesetze des guten Geschmacks und gern halten wir uns an die großen Vorbilder, z. B. Karl Lagerbär... Letztendlich macht das Ganze der Schöpferin der Bären unheimlich viel Spaß.

Dieser Spaß beherrscht den ganzen Entstehungsprozess von der Idee bis zu den letzten Stickstichen. Erst wenn ich ein gutes Gefühl habe, das heißt, ich muß mit der Gestalt, dem Image, dem Ausdruck des Bären nicht nur zufrieden sein, sondern mir muß ein Anlaß zur Freude, am besten zum Lachen gegeben sein, erst dann ist ein neues ZWERGNASE- Bärenkind geboren. 

Es erlebt seine Realisierung im Übrigen nur in streng limitierter Auflage. Nicht mehr als 100 Bärenkinder einer Spezies verlassen die Werkstatt in Schalkau - und dennoch schafft es diese Bärenfamilie, sich über alle Kontinente zu verbreiten, die Ozeane zu überwinden. Brüder und Schwestern, Neffen und Nichten leben über hunderte von Kilometern getrennt voneinander in den verschiedensten Ländern Europas, in Japan und Amerika.... Zum Glück besitzt der eine oder andere Sammler in Deutschland oder sonst irgendwo auf der Welt eine geschlossene ZWERGNASE- Bärenfamilie. 

Für mich sind die Bären ein unerschöpfliches Thema geworden, nahezu grenzenlos.
Bei der 98er Kollektion habe ich mich z.B. ausschließlich den Eisbären zugewandt und dabei unendlich viele neue Möglichkeiten entdeckt. Mit jedem Bären nimmt die Fülle der Erfahrungen zu. Routine erleichtert die Arbeit - Routine nicht im Sinne von langweiliger Wiederholung, sondern von Freiheit für Gestaltung. 

Neben ARTline, den ZWERGNASE- Künstlerpuppen, gibt es nun gleichberechtigt die Bärenfamilie unter dem Label bärenART. Und diese ARTigen Bären gefallen mir immer besser.